[ Artikel ] Aufklärung statt Versprechen: Die Realität der Gallenblasenchirurgie
- interchirurgie
- 10. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Mai
Ich habe lange überlegt, ob ich dieses wenig beliebte Thema auf unserer offiziellen Internetseite ansprechen soll. Der tägliche Kontakt mit Patienten in der Klinik, in der ich arbeite, hat diese Hemmschwelle schließlich überwunden.
Das Thema Realität und Komplikationen ist sehr breit und wird insbesondere im Bereich der privaten Medizin nur ungern behandelt. Das hat seine Begründung in einer äußerst schädlichen Propaganda [ua. Werbung und Selbstdarstellung in der Privatpraxis], die eine allmächtige Medizin ohne jegliche Grenzen darstellt – eine Medizin, die Wunder vollbringt und selbst verloren geglaubte Fälle aus der Palliativmedizin wieder „auf die Beine stellt“.
Operation zur Entfernung der Gallenblase
Es handelt sich um eine Standardoperation, meist laparoskopisch durchgeführt. Der Patient wird in der Regel nach ein bis zwei Tagen entlassen und kann anschließend ohne größere Einschränkungen seinen Alltag bewältigen. Jede chirurgische Abteilung führt jährlich relativ viele solcher Eingriffe durch. Der Eingriff dauert meist weniger als eine Stunde, erfolgt in Vollnarkose und wird über drei oder vier kleine Zugänge im Bauch durchgeführt. Häufig kann der Patient bereits am nächsten Tag nach Hause gehen.
Die Frage lautet: Warum sollte man diese Operation nicht ambulant durchführen, sodass der Patient noch am selben Tag nach Hause gehen kann? Klingt logisch – ist aber nur teilweise richtig.
Komplikationen gehören zur Realität der Chirurgie
Komplikationen treten bei Gallenblasenoperationen regelmäßig auf, denn die Statistik ist unerbittlich. In Krankenhäusern operieren Ärzte mit unterschiedlicher Erfahrung – jüngere, ältere, stärker oder weniger belastete. Zudem unterscheiden sich die Ausgangssituationen erheblich. Die Gallenblase kann entzündet sein oder nicht. Es kann ein Zustand nach Pankreatitis, nach endoskopischer Steinentfernung, nach früheren Operationen oder nach einer Bauchfellentzündung vorliegen.
Hinzu kommen mögliche Begleiterkrankungen des Patienten:
Einnahme gerinnungshemmender Medikamente
Zustand nach Chemotherapie
extreme Adipositas – ein erheblicher Risikofaktor, über den nur ungern gesprochen wird
schwere Erkrankungen oder Medikamente, die die Wundheilung beeinträchtigen.
Ein Patient kann elektiv operiert werden, gut vorbereitet – oder in einem septischen Zustand sein, bei dem die Operation extrem riskant ist.
Bedeutet das also, dass ein geplanter Eingriff ohne Risikofaktoren ungefährlich ist? Nicht ganz.
Die häufigste Komplikation: Blutungen
Das häufigste Problem ist Blutung.
Diese kann unterschiedlich stark sein. Leichte Blutungen während der Operation werden in der Regel sofort gestillt und haben keine Bedeutung. Stärkere oder anhaltende Blutungen können jedoch zu einem Schock führen und – ohne intensive Behandlung (Bluttransfusion, Reoperation, ggf. Intensivtherapie) – zum Tod.
Wie oft passiert das? Extrem selten, aber es ist möglich – unabhängig von der Operationstechnik. Hat der Chirurg Einfluss darauf? Teilweise ja, teilweise nein.
Verletzungen der Gallenwege
Ein weiteres Problem ist die Verletzung der Gallenwege, die nicht immer während der Operation erkannt wird. In entzündlichen Zuständen sind anatomische Strukturen oft schwer zu identifizieren. Manchmal sind sie gar nicht voneinander zu trennen – das Gewebe kann wie „alter Beton vermischt mit morschem Holz“ wirken.
Solche Verletzungen können komplexe Rekonstruktionen erforderlich machen, deren Folgen wiederum weitere Komplikationen sein können – einschließlich Pankreatitis, Teilresektionen der Bauchspeicheldrüse oder des Darms. Können solche Komplikationen tödlich sein? Ja.
Weitere mögliche Komplikationen
Weitere Komplikationen sind Infektionen im Bauchraum, besonders bei Risikopatienten.
Die Behandlung umfasst Antibiotika, manchmal über längere Zeit, manchmal Drainagen unter CT-Kontrolle oder operative Eingriffe. Häufig? Nein. Möglich? Ja.
Es kann auch zu Verletzungen anderer Organe kommen – meist in der Nähe der Gallenblase oder Leber, z.B. des Dünndarms (Duodenum), aber auch an ganz anderen Stellen. Besonders gefährdet sind Patienten mit Verwachsungen nach früheren Operationen. Manchmal kann eine solche Verletzung sofort versorgt werden, manchmal ist eine zusätzliche Operation notwendig, manchmal sogar eine offene Bauchoperation.
Weitere mögliche Probleme:
• Ein Gallenstein kann nach der Operation in die Gallenwege gelangen und diese blockieren,
• Es kann zu einer Pankreatitis kommen,
• Während der Operation können zufällig andere Erkrankungen oder Tumoren entdeckt werden.
Auch die Bauchdecke kann betroffen sein;
• Narbenhernien an den Zugangsstellen,
• Wundinfektionen, besonders am Nabel.
Natürlich können auch anästhesiologische Komplikationen auftreten.
Ich möchte hier nicht weiter in Details gehen. Mir ist wichtig, dass zumindest die Patienten, die ich operiere, verstehen, was eine Gallenblasenoperation bedeutet.
Manchmal ist dieses Wissen unangenehm. Manche Patienten würden lieber glauben, es handle sich um einen einfachen, schnellen und völlig problemlosen Eingriff.
Ist das statistisch richtig? Ja.
Heißt das, man sollte sich nicht operieren lassen? Ganz im Gegenteil.
Die Komplikationen einer nicht behandelten Gallenblasenerkrankung sind oft schwerwiegend und können tödlich sein – etwa bei einer nekrotisierenden Pankreatitis. Eine unbehandelte Gallenblase kann zu akuten Entzündungen, Sepsis und lebensbedrohlichen Zuständen führen.
Worum geht es also?
Darum, dass der Patient sich bewusst für die Operation entscheidet.
Dass er keine Wunder erwartet, wo es keine geben kann.
Dass er weiß, dass es nach der Operation auch Einschränkungen geben kann – z.B. Ernährungsumstellungen, gelegentliche Schmerzen oder Anpassungen des Lebensstils.
Persönlich bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich höre: „Ich operiere Sie ohne Komplikationen.“ Warum? Weil das suggeriert, jemand sei „der Beste“ und Komplikationen hätten nur andere.
In diesem Beruf gibt es keine „Besten“.
Ich wünsche daher allen Menschen mit Gallenblase alles Gute und gute Behandlungsergebnisse bei dieser unangenehmen und häufigen Erkrankung – wie Gallensteinen, Entzündungen, Polypen oder Tumoren.

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